Bellmann

Trink- Sauf- & Liebeslieder
aus dem Barock

Sinnlichkeit und Sinnigkeiten über das Leben
und aus dem Leben des Carl Michael Bellman.

Im Königl. Schloss, den 8.Mai, 1794

«Wie ich sowohl von der moralischen als physischen Seite allgemein bekannt bin, wird man mir zugestehen, dass ich ein Herr von sehr wenig Tiefsinnigkeit bin, und nichts danach frage, ob die Sonne geht oder die Erde still steht. – Was ich ferner betheuern kann, ist: dass ich keinem Wesen in der Natur übel will; dass ich unendlich einen edlen Mann, aber mit unauslöschlichen Flammen die Frauen und kleine, artige Kinder liebe; dass ich mit Appetit esse, wenig aber gut: - Sonntags Weisskohl ; Donnerstags Erbsen und Sonnabends Strömming (ein Fischgericht). Da es zu einer Lebensbeschreibung nothwendig erscheint, das Todesjahr, oder Erscheinen auf der Welt, nach dem Kirchenbuche von St.Maria Magdalena, auf den 4.Februar 1740 festzusetzen.

Weil meine lieben Eltern sich liebten, wurde ich, wie gesagt, geboren. – Meine Mutter, schön wie der Tag, unendlich gut, reizend in der Toilette, freundlich gegen alle Menschen, fein im Umgange, hatte eine vortreffliche Stimme und war 21 mal in Wochen gewesen – honny soit qui mal y pense – aber diese Spielerei machte des Hauses Ruin.

Mit sechs Jahren kam ich in die Maria-Schule. – Mein Grossvater, Magister Hermonius, was dort Prediger, und mein erster Informator war der allgemein bekannte Hübner, später Dr. Kulström, dessen grosser Liebling ich war. Von ihm lernte ich das Buchstabieren. Ich war ausserordentlich fleissig und besitze einen noch lebenden Schulkameraden in dem Königlichen Secretair Bryssel, der ausgezeichnet Klavier spielt. Nach vielen Informatoren erhielt ich zum Schluss Höckert und durch ihn letzte Feile; er schlug mir mit dem Lineal auf die Fingerspitzen, weil ich den Euklides und die Metaphysica nicht begreifen konnte.

Heut` noch zuckt mein Hirn, mein müdes,
Denkt`s, o Schrecken, an Euklides,
An die Geometrica
A B C und C D A.
Denk` ich jenes alen Liedes
Leide ich ein Golgatha! –

Endlich klärte sich der Himmel auf! Meien Eltern hatten bemerkt, dass ich einmal, im Fieber-Paraxysmus, Alles in Versen ausgesprochen und nachher auch mit einer solchen Vollkommenheit gesungen habe, dass es ein allgemeines Erstaunen erregte.

Nun kamen aber damals in das Haus meiner Eltern: der jetztige Präsident Rosenadler, der Präsident Carlsson, der Kanzlei-Rath Nordenflycht, der jetztige Vice-Präsident im Handels-Collegium Silversköld und der Königliche Secretair Abr. Sahlstedt. Diese wählten ir ein Genie zum Informator, in der Person des Herrn Clas Ludwig Ennes, welcher, durch meine Recommandation beim Seligen König, späterhin das Pastorat Oestra-Hernstad in Skåne (Schonen) erhielt. Von ihm lernte ich Apollo`s Lyra handhaben, und unter seiner Leitung habe ich viele Briefe und Poesien verfasst, unter anderen 1775 die Übersetzung der Psalmen im Hallischen Psalmbuch. Diese Übersetzung nebst vielen deutschen, englischen, italienischen und französischen Briefen von meiner Hand befinden sich in der Bibliothkek des Präsidenten Rosenadler.

Zu derselben Zeit wurde ich, gleichzeitig mit dem damaligen Rittmeister, jetztigen Hofmarschall Jennings, dem Professor Trozelius und dem Admiral Nordenankar, unter Rosenadlers Präsidentschaft, Elve (Aemnesven) in der Königlichen Akademie der Wissenschaften, und nach der Sitte der Zeit, feierlich auf dem Ritterhause aufgenommen und von zwei Mitgliedern eingeführt, deren eines der Berg-Rath Adlerheim war; das andere habe ich vergessen.

Um diese Zeit übersetze ich ein Buch in`s Schwedische, unter dem Titel: „Eines Vaters Ermahnung an seinen Sohn, der eine Reise in`s Ausland beabsichtigt“, gedruckt bei Wilde. Das Original hatte der Präsident Carlsson in Aleppo gefunden. – Später übersetzte ich einen Auszug aus „Scrivers Seelenschatz“ gedruckt in Norrköping bei Edman. Um diese Zeit verfasste ich eine, jetzt schon selten gewordene Schrift, betitelt: Månan. Meine späteren Arbeiten sind bekannt genug, eine ausgenommen: Hvad behagas (Was bleibt) betitelt, eine jetzt sehr seltene Schrift, die eine Satyre auf Biographien sein soll.

1759 war ich zum erstenmal betrunken, und schlief auf meiner Mutter Schoss, nachdem ich mir beim holländischen Minister Martewill einen Pontaksrausch geholt hatte.

Ich kam heim so roth und schön
Eines Nachmittags um viere;
Meine Schwestern, mich zu seh`n,
Traten lächelnd vor die Türe;
Nachbarn, Nachbarinnen gingen
Grad`zur Kirche zum Gebete,
Während auf des Pontak`s Schwingen
Muttern ich entgegentrete.
"Mein Carl Michael" sagte sie,
"Wo mein Kind, bist Du gewesen?" –
"Mütterchen, das können Sie
Ja auf meinem Antlitz lesen!" –
"Ja so, so, so, armer Tropf,
Setz dich her zu meinen Füssen,
Leg`auf meine Knie den Kopf,
Wer gesündigt hat, muss büssen!“ –

Ist es da zu verwundern, dass jeder meiner Gedanken, jeder Athemzug mein unglückliches Dasein auffordert, von ganzer Seele, die Frauen zu verehren? – Gottes Rache komme über mich, wenn ich nicht entzückt werde von einem alten, zerrissenen Unterrock, mit allen seinen Fetzen, den mein Auge auf einem Misthaufen am Packartorg (ein berüchtigter Platz in Stockholm, auf dem einst Schandpfahl und Galgen standen) entedeckt. Ich sehe eine Liebesgöttin in jedem alten Besen in niedergetretenen Schuhen - mein Gott – eines Frauenzimmers Sohle, auf der sie im Gröna Gången (Grüner Gang, ein Gemüsemarkt in Stockholm) wanderte giebt meinem Auge mehr Leben und Wollust, als der Lorbeerkranz, mit dem man mich auf der Medaille ehrte.

«Wer geboren ist will leben,
Das ist nun einmal gewiss.
Wie einst Adam lebt mit Even
In dem Paradies.

Bei der Flasche sanft entschlafen,
Bei dem Mädchen wachen auf,
Bis mein Lebensschiff im Hafen
Endigt seinen Lauf.

Meine Tage froh verschwinden
Lustig hier im Sorgental.
Venus beicht ich meine Sünden,
Bacchus meine Qual.

Drum Kam`raden lasst uns singen,
Lasst uns singen, schenket ein,
Bis des Todes Nebel dringen
In das Herz hinein.»

Carl Michael Bellman

Für Tenor und Gitarre
(Besetzung variabel)